Offener Brief der vdää-Regionalgruppe Hamburg

Die Strategie Zero-Covid in der Pandemiebekämpfung konsequent und solidarisch verfolgen und nur notwendige Behandlungen im Gesundheitsbereich durchführen

Offener Brief des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte, Regionalgruppe Hamburg

Der „Corona-Impfstart verläuft holperig“. „Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit“ oder gegen neue Mutanten…. Man ist unwillkürlich an die Geschichte vom „Hasen und dem Igel“ erinnert. Mit einem entscheidenden Unterschied. Der Virus-Igel ist nicht schlau. Das Virus will nichts. Es sucht keinen Vorteil. Ob es weiterlebt oder abstirbt, ist für das Virus keine Kategorie. Es „will“ nicht leben, etwa wie höhere Organismen. Es ist auch nicht im „Krieg“. Es agiert nur unter den Konditionen, die es vorfindet. Es kommt also allein auf den Hasen an, ob der etwas richtig oder falsch macht. Wenn der Hase impft macht er etwas richtig. Wenn er impft und gleichzeitig die Virusinzidenz weltweit extrem hoch ist, macht er sehr viel falsch. Durch die billionen-fache Virusreplikation täglich entstehen natürlicherweise unzählige Mutationen. Früher oder später sind auch solche  darunter, die eine Resistenz gegen den Impfstoff vermitteln werden. Durch die Gleichzeitigkeit einer hohen Virusprävalenz und vieler geimpfter Wirte wird diese Mutation offenbar, findet einen Selektionsvorteil und bekommt dann möglicherweise rasch Dominanz. Impfungen müssen von strikten Kontaktbeschränkungen im Öffentlichen Leben und der Wirtschaft begleitet werden.

Die einzige mögliche Strategie dagegen ist, die Zahl der infizierten Menschen und damit der Viren zu minimieren und gleichzeitig zu impfen. Aus diesem Grunde ist die Initiative ZeroCovid plausibel, mehr noch dringend geboten. Sie wäre es bereits im Oktober 2020 gewesen. Dabei ist es nicht essentiell - weil auch unrealistisch -, die Zahl Zero zu erreichen, aber es ist unabdingbar, alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens einzuschränken bis hin zur größtmöglichen Isolation. Den Familien, Freunden, den Frauen, den Schulen und KiTas, den Altenheimen, Restaurantbetreiber*innen, ihren Kund*innen, Kulturschaffenden, den Spielstätten, Freizeit-Sportler*innen und vielen anderen alle Belastungen und Entbehrungen und z.T wirtschaftliche Nöte aufzuerlegen und gleichzeitig die wirtschaftliche Produktion, den Gütertransport, die Lieferdienste, den Personennah- und Fernverkehr praktisch unberührt zu lassen, ist als fahrlässig und höchst gefährlich einzuschätzen. Die Priorisierung der wirtschaftlichen Prosperität vor einer konsequenten Abwehrstrategie gegenüber  dem Infektionsgeschehen offenbart gesellschaftlichen Leichtsinn und pure wirtschaftsorientierte Interessenpolitik. Ein kompletter Shut-down i.S. des Zero-Covid für etwa einen Monat würde einerseits eine gesellschaftliche Solidarität darstellen, die wohl wahrgenommen und breit goutiert werden würde. Sie könnte zu einem definiertem Ende führen, im Gegensatz zu der zermürbenden Hinhaltetaktik, die immer mehr Ablehnung und Entsolidarisierung hervorruft. Zum anderen scheint es (volks)wirtschaftlich plausibel, dass ein 4-wöchiger Shutdown plus einer 4-wöchigen Wiederöffnungsphase ökonomisch wesentlich sinnvoller ist, als ein Dauerlockdown über viele Monate. Die Kernforderung der Zero-Covid Kampagne erscheint auch unabhängig davon essentiell.

Auch das Gesundheitssystem sollte diesem Prinzip konsequenter folgen. Obwohl es großzügige Kompensation gab, ist im Klinikbereich bereits die Strategie aufgeweicht, Betten und Operationssäle freizuhalten und elektive Eingriffe zurückzustellen. In der ambulanten Versorgung hat es eine Ausgleichszahlung im vergleichbaren Umfang nicht gegeben, dennoch ist das Gebot der Stunde, auch dort Patientenkontakte zu minimieren. Der anfängliche Aufruf, Präventivmaßnahmen und IGe-Leistungen zurückzustellen, ist nach wie vor geboten. Das wird aber von den Kassenärztlichen Vereinigungen nicht breit gefordert. Die KVen unterließen auch klare Vorgaben für Infektionsschutz und Hygienepläne in den Praxen und Niederlassungen. Eine Kontrolle und Überprüfung der Hygienemaßnahmen hat nicht stattgefunden. Möglicherweise sollen den Mitgliedern keine finanziellen Nachteile zugemutet werden. Die KVen agieren damit nicht verantwortungsbewusst genug und stellen sich ihren Ziel- und Interessenskonflikten nicht. Die Ärztekammern sind weniger in einer wirtschaftlichen-medizinischen Ambivalenz verstrickt. Sie sollten ihre Zurückhaltung aufgeben und eine klarere Steuerungsfunktion im Sinne einer konsequenten, rationalen und weltweiten Pandemiebekämpfung einnehmen.

Wir fordern daher:

  • Die Ärztekammern sollten zukünftig eine aktivere Rolle spielen, da sie weniger in Interessenkonflikten verhaftet sind, als dies offensichtlich bei den Kassenärztlichen Vereinigungen der Fall ist;
  • die Strategie Zero-Covid in der Pandemiebekämpfung konsequent und solidarisch zu verfolgen.
  • Im Gesundheitsbereich soll diesem gerecht werden, in dem in den Kliniken nur notwendige Behandlungen durchgeführt werden und verschiebbare Behandlungen auch tatsächlich verschoben werden.
  • Im ambulanten Bereich soll Gleiches gelten. Insbesondere IGeL Angebote und Präventionsmaßnahmen ohne besonderen Hintergrund müssen eingestellt werden.

Hamburg den 2.2.2021

Kontakt: Kai Uwe Helmers medpolhh (at) posteo.de


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